Kosmetik mit Doktortitel

Prof. Dr. Thomas Dirschka

Facharzt für Dermatologie und Venerologie, Allergologie, Ambulante Operationen, dermatologische Onkologie und ästhetische Operationen.

Kosmetik Mit Doktortitel

Kosmetik mit Doktortitel

von Martina Klose

Glamourösen Luxustiegeln kann die Hamburger Unternehmerin Kerstin S. in den Flughafenparfümerien kaum widerstehen. Wie viele Frauen belohnt sie sich nach einer anstrengenden Geschäftsreise gerne mit einem edlen Cremetöpfchen. „Wer viel Geld in hochwertige Kosmetik investiert, tut seiner Haut etwas Gutes“, so ihre Devise. Als sich vor ein paar Jahren erste Fältchen um ihre Augen herum abzeichneten, vertraute sie zunächst auf die straffende Wirkung der Kaviarcreme einer Luxuskosmetiklinie. „Kaviar ist kostbar und die Wirkstoffe aus dem Meer sind erwiesenermaßen gut für die Haut“, so die 48-Jährige in voller Überzeugung. Warum sich den Schatz des Meeres also nicht ins Gesicht schmieren?
Inzwischen hat die erfolgreiche Geschäftsfrau den glamourösen Topf in die hinteren Reihen ihrer opulenten Cremesammlung verbannt. Ganz vorne thront jetzt ein bescheidener Tiegel in schlichtem Weiß. Kein Luxuslabel. Dafür ziert das 50 -ml-Töpfchen ein Doktortitel. Kein Zweifel: Der „Arzt im Tiegel“ wirkt seriös und glaubwürdig. Tatsächlich ist in deutschen Badezimmern eine kleine Revolution im Gange. Noch nie waren Ärztecremes so gefragt wie heute. „Der Markt für topische (äußerliche) Pflegekosmetika ist in den vergangenen Jahren fast kontinuierlich angestiegen“, bestätigt der Dermatologe Professor Dr. Thomas Dirschka vom Bund Deutscher Dermatologen und wirft die Zahl von 12,7 Milliarden Euro Jahresumsatz in den Raum.

Doktor-Brands – ein neuer Trend ?

Dabei ist das Phänomen sogenannter „Doktor-Brands“ gar nicht so neu. Schon in den 50er-Jahren haben Mediziner Cremes entwickelt und verkauft. Seiner- zeit bewarb der bekannte Chirurg Professor Dr. Ferdinand Sauerbruch die Gesichtspflege „Hormocenta“, welche damals noch Inhaltsstoffe von Plazenten enthielt. Auch die Naturkosmetik von Dr. Hauschka und Dr. Eckstein wurde bereits vor Jahrzehnten eigens von Medizinern entwickelt. Reine Pflegepro- dukte, die auf natürlichen Wirkstoffen basieren und sich auf dem reich um- kämpften Kosmetikmarkt längst etabliert haben. Inzwischen findet man auf der Homepage vieler niedergelassener Dermatologen und plastischer Chirurgen neben den Praxisdaten und Öffnungszeiten auch deren eigene Skincare-Linie.
Per Mausklick, kann man die Präparate bestellen. Ganz ohne Rezept. Die Ärzte haben sich ein neues Marktfeld erschlossen. Aber das sei nicht die alleinige Motivation, meint Dr. Thomas Dirschka. „Dies ist sicherlich ein lukratives Nebengeschäft, das jedoch auch von Patienten gerne in Anspruch genommen wird. Die ärztliche Empfehlung, welches Präparat für welchen Hauttyp geeignet ist, scheint hier auch eine große Rolle zu spielen.“ „Man ist nie zu alt, jünger zu werden.“ (Dr. Bernd Löffler)

Wie wirksam ist der „Doktor im Tiegel“ ?

Während die Damenwelt noch vor ein paar Jahren auf das Urteil einer gut aussehenden Parfümeriemitarbeiterin vertraute, wird heute sogar in kosmetischen Fragen ein Arzt konsultiert. Der Münchner Dermatologe Dr. med. Stefan Duve machte sich bei der Entwicklung seiner Pflegeserie „Doctor Duve“ seine Erfahrung als Hautarzt und plastischer Chirurg zunutze: „Meine Produkte werden gezielt auf die Bedürfnisse der Haut meiner Patienten ausgerichtet.“ Normale Cremes könnten deshalb keine ähnliche Anti-Aging-Wirkung entfalten. Ähnlich vielversprechend klingt das Produkt der Berliner Mediziner Dr. Egor Egorov und Dr. Bernd Löffler. Das Ärzteduo hat eine Anti-Aging-Pflegeserie entwickelt, die die Hautzellen von innen heraus erneuern soll.

Mithilfe von Nanokristallen, Lipidnanopartikeln und Liposomen gelangen Anti-Aging-Stoffe wie Hyaluronsäure und Q 10 direkt an die Mitochondrien. Diese versorgen die Zellen mit Energie und sorgen für ein gutes Hautbild. „Dort verjüngen sie die Haut“, so Dr. Egorov. Das Ergebnis jahre- langer Forschungsarbeit ist ein sogenanntes „Cosmeceutical“. „Ein Kosmetik- produkt mit medizinischen Qualitäten“, erklärt Dr. Egorov. „Im Vergleich zu herkömmlichen Kosmetika, kann ein Cosmeceutical auch in die Hautschichten eindringen, wo es seine medizinische Wirkung entfalten kann.“ Der Alterungs-prozess der Haut werde dadurch angehalten. Eine kleine Revolution im Creme- topf, wenn man so will, die es mittlerweile in ausgewählten Parfümerien und Concept-Stores zu kaufen gibt. Das, was sich jede Frau ab 35 insgeheim wünscht, ist plötzlich ganz legal im Handel erhältlich? Professor Dr. Thomas Dirschka vom Bund Deutscher Dermatologen warnt vor verfrühter Euphorie: „Prinzipiell gilt, dass Kosmetika keine pharmazeutischen Wirkungen entfalten dürfen, sonst wären sie Pharmaka. Mit dem Begriff Cosmeceutical soll eine pharmakologische Wirkung suggeriert werden, die Präparate von Gesetzes wegen gar nicht haben dürfen.“
Dennoch werden niedergelassene Ärzte nicht müde, an neuen Cremes zu tüfteln.

Die Düsseldorfer Schönheitsmedizinerin Dr. Barbara Sturm hat gleich zwei Behandlungsmethoden entwickelt. Mit Erfolg: ihr Wartezimmer ist voll, die Termine über Monate ausgebucht. Sogar Hollywoodstars befinden sich in ihrer Patientenkartei. Seit Jahren stellt sie Cremes mit körpereigenen Stoffen her. Aus dem Blut ihrer Patienten werden Stoffe gewonnen, aus denen sie eine individuell auf den Patienten abgestimmte Pflegecreme entwickelt. Neuerdings findet man auf ihrer Homepage aber auch Cremetiegel ihrer Serie „Molecular Cosmetics by Dr. Babara Sturm“ für jedermann zum Bestellen. „Da nicht alle Patienten in meine Praxis kommen können, war es mir wichtig, eine Pflegeserie zu entwickeln, die jeder weltweit nehmen kann.“ Falten lassen sich damit jedoch nicht wegcremen: „Eine gute Creme wird die Haut optimal pflegen und auf Zellebene mit Nährstoffen und Feuchtigkeit versorgen.“ Der Alterungsprozess der Haut werde lediglich verlangsamt. „Sind Falten aber einmal da, gehört zu einer effektiven Behandlung die Unterfütterung mit Hyaluronsäure“, so Dr. Sturm.

Ärztekosmetik – ein Luxusartikel ?

So unterschiedlich die Pflegeserien der Ärzte auch sein mögen, eines haben sie gemeinsam: alle müssen Tests durchlaufen, bevor sie in unserem Kosmetik- schränkchen landen. Claims wie „reduziert Falten“ oder „hydriert die Haut“ müssen durch unabhängige Testinstitute nachgewiesen sein und dürfen sonst nicht behauptet werden. Dadurch entstehen Kosten. Viele Mediziner recht- fertigen den hohen Preis ihrer Produkte zudem mit den teuren Wirkstoffen, die ihre Cremes enthalten. Je teurer, desto besser – gilt bei Doktor-Brands aller- dings nicht. „Hier muss man klar sagen, dass der Preis die Qualität nicht wider- spiegelt. Das gilt aber auch für Produkte am freien Markt – sie wissen ja selbst, dass beispielsweise eine Creme der Marke Beiersdorf zwar ein hohes wissenschaftliches Know-how aufweist, jedoch deutlich günstiger ist als zum Beispiel eine Creme der Marke Kanebo – hier muss letztendlich der Käufer selbst entscheiden“, rät Professor Dr. Thomas Dirschka.

Für Stiftung Warentest sind Doktorcremes bislang kein Thema, da sie sich nur an eine kleine, aber kaufkräftige Zielgruppe wenden. Denn eines ist gewiss: unter 100 Euro macht der Doktor im Tiegel keinen Hausbesuch.

Prof. Dr. Thomas Dirschka

Der Düsseldorfer Dermatologe Professor Dr. med. Thomas Dirschka hat sich mit dem Phänomen „Doktor-Brands“ befasst. Er arbeitet als Facharzt für Dermatologie, Venerologie und Allergologie und lehrt als Dozent an der Lehrpraxis der Universität Witten-Herdecke. Der renommierte Mediziner erklärt, warum ein akademischer Titel auf dem Tiegel nicht unbedingt für eine hochwertige Creme stehen muss.

Haben Mediziner mit den sogenannten Doktor-Brands ein neues Marktfeld erschlossen oder steht da das Wohl des Patienten im Vordergrund?

Beides kann eine Rolle spielen. Oft handelt es sich ja auch um Fragestellungen zu Pflegeprodukten bei besonderen Hautproblemen oder Hautkrankheiten wie Akne, Rosacea, Neurodermitis etc. Hier besteht eine große Unsicherheit, welche Produkte überhaupt bei diesen Hautproblemen geeignet sind, die vom Arzt leichter überwunden werden können als von Kosmetikerinnen oder Apothekern.

Ist eine Creme mit Doktortitel besser?

Sicherlich nicht. Warum sollte sie auch besser sein als eine großindustriell
hergestellte Cremeserie. Letztlich müssen Cremes in Deutschland der Kosme-tikverordnung entsprechen und dürfen keine pharmakologisch wirksamen Bestandteile enthalten. Die mit den Cremes verbundenen Claims wie „reduziert Falten“, „hydriert die Haut“ etc. müssen durch unabhängige Test- Institute nachgewiesen und dürfen sonst nicht behauptet werden.

Gibt es Vertreter – ähnlich wie in der Pharmaindustrie – die auf die Ärzte zukommen und ihnen eine eigene Skincare-Linie aufschwatzen?

Den Fall hatte ich noch nicht – das scheint zumindest kein Massenphänomen zu sein. Einzelne Firmen bieten aber Serien exklusiv Ärzten zum Verkauf an – sodass diese Präparate dann nur über das arztassoziierte Institut verkauft werden und nicht über Apotheken. Das sind dann aber Produkte, die ganzen Arztgruppen und nicht exklusiv einem Arzt angeboten werden.

Sind die Ärzte überhaupt mit dem Produkt vertraut?

Bei Dermatologen gehört der Umgang mit Cremes und deren Inhaltsstoffen ja zum täglichen Geschäft. Wie das bei anderen Arztgruppen, z. B. plastischen Chirurgen, Allgemeinärzten, ist, mag ich nicht beurteilen – habe hier aber meine Zweifel.

Wie erklären Sie sich, dass die Produkte so teuer sind?

Nicht alle in arztassoziierten Instituten verkaufte Produkte sind teuer. Es gibt aber Ärztinnen und Ärzte, die – vielleicht weil sie sich als besonders qualifiziert ansehen – extrem teure Produkte verkaufen. Hier muss man klar sagen, dass der Preis die Qualität nicht widerspiegelt. Das gilt aber auch für Produkte am freien Markt.

Vielen dieser Cremes wird eine Tiefenwirkung nachgesagt, wie es sie bei herkömmlichen Produkten nicht gibt – deshalb nennt man sie Cosmoceuticals. Kann man dem Glauben schenken?

Nein, ganz und gar nicht. Mit dem Kunstbegriff „Cosmeceutical“ wird eine neue Nomenklatur eingeführt, die es in der Kosmetikverordnung so nicht gibt.

Sind an der Entwicklung von herkömmlichen Hautcremes nicht auch immer Ärzte beteiligt?

Nein, nicht notwendigerweise – es handelt sich ja nicht um Pharmaka. Ein Unternehmen tut jedoch gut daran, sich bei der Entwicklung und Beurteilung seiner Präparate von Ärzten mit besonderen Kenntnissen (Allergologen, Dermatologen) beraten zu lassen. Bei der Testung der Cremes sind aber immer Ärzte beteiligt, da die Tests mit (meist nicht invasiven) medizinischen Verfahren an Menschen durchgeführt werden.